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CASABLANCA MONSIEUR LEVY

Ich bin schon halb am Tor vorbei, da tritt ein aelterer Herr auf die Strasse. Es ist der Hintereingang zum juedischen Museum. "Sind Sie Monsieur Simon Levy?" "Auf den Simon Levy Quatsch hab ich grad gar keine Lust."

Um 14Uhr hatte ich eine Email bekommen und nur zufaellig keine 10min spaeter uebers Handy abgerufen, in der es hiess, dass es schoen waere, wenn ich noch vor 14 Uhr kommen koennte um den Gruender und Direktor des einzigen juedischen Mueseums auf arabischem Boden zu treffen. Natuerlich hatte ich mich sofort auf den Weg gemacht und es tatsaechlich geschafft um halb Drei beim Museum zu sein.

"Ich bin muede und will Mittagessen! Stellen Sie Ihre Fragen, und zwar schnell!" Genervt wendet sich der Ende 60jaehrige Mann ab. Seine Handbewegung versucht mich wie eine laestige Fliege beim Mittagschlaf zu verscheuchen. Langsam keucht er vor mir Treppe rauf. Ruecken und Herzbeschwerden machen dem ehemaligen Professor mehr zu schaffen als er sich anmerken lassen will. Herrisch kommandiert er seine Sekretaerin ihm ein Thunfischbrot zu machen. Seine Sekretaerin hatte mich bereits gewarnt: "Er ist ein sehr deutscher Jude. Manchmal schwierig und aeusserst herrisch..."

Meine erste Frage wird gleich abgeschmettert. "Ich wurde nicht geboren! Ich bin noch lange nicht geboren!" Eine interessante Antwort auf eine recht profane Frage, die nur das Gespraech aufnehmen sollte.

Zweieinhalb angeregte durchaus demuetigende Stunden folgen. Er erzaehlt mir die ganze Geschichte des Marokkanischen und Sephardischen Judentums und stellt zwischendurch immer wieder Fragen wie "was soll das, die Juden aus Spanien zu vertreiben?" Da ich spontan keine ueberaus weise Antwort parat habe und mich auch nicht in Belehrungen verlieren will, antworte ich "je ne sais pas...?" "Du hast gar nichts verstanden! Du bist zu jung um ueber Juden zu schreiben! Das ist eine zu alte Geschichte. Mach einfach ne kleine Notiz fuer deine Zeitung. "Es gibt ein juedisches Museum in Casablanca. Es ist das einzige auf arabischem Boden." Das muss reichen."

Da er frueher an der UNiversitaet von Marrakesch Spanisch und Linguistik doziert hat bezieht er sich immer wieder auf diesen Bereich. Schliesslich, nachdem er mir noch sein geheimes Archiv mit ueber 500 Jahre alten Buechern und seine Druckerpresse mit freibeweglichen hebraeischen Lettern gezeigt hat und viele Ausstellungsstuecke teilweise wiederholt aus verschiedenen Perspektiven und ausfuehrlich erklaert hat, gesteht er zum Abschied schliesslich doch, dass er sich ueber das Gespraech sehr gefreut hat und mein Interesse sehr schaetze. "Aber die Dinge verdrehen wirst du doch! Alle tun das. Immer."

 

1.3.11 21:48
 



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