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18.04.2010 Aleppo

Hallo,

dass ich gestern nicht geschrieben habe, ist ganz einfach darauf zurueckzufuehren, dass ich so ueberzeugt vom syrischen Ueberwachungsstaat war, dass als ich Myblog.de nicht mehr finden konnte, ich nicht darauf gekommen bin, dass ich die Falsche Adresse fuer die WEbsite eingegeben habe, sondern dachte, die Syrer haetten mir das Internet beschnitten.

Die Ueberwachung ist schon auffaellig. Um ins Internetcaffe zu duerfen, muss man den Pass abgeben, die notieren und speichern alles. Als ich eben eine syrische Simkarte gekauft habe, wurde auch eine Kopie meines Passes gemacht. Und direkt danach eine SMS mit meinem Namen und meiner Passnummer an irgendwen verschickt.

So aber zurueck. Vorgestern abend habe ich einen Englischlehrer aus Aleppo getroffen. Er sass auf einer Mauer vor dem grossen Sheraton Hotel. Auf erstaunlich gutem englisch sprach er mich an als ich an ihm vorbei ging und fragte ob ich mich zu ihm setzten wolle. Angezogen von dem Klang der englischen Sprache in mehr Facetten als Hello - Chau ar ju setzte ich mich zu ihm. Bisher habe ich hier noch niemanden getroffen, der zuhoert. Und so erzaehlte er mir bestimmt zweieinhalbstunden von der syrischen Geschichte. Seine besonderes Augenmerk lag bei seinen Erzaehlungen immer auf den letzten 40 Jahren und der Rolle der Frau. Er erzaehlte von den syrischen 68ern die auch Anfang der der 70er gewesen sein muessen. Damals so erzaehlte er haetten die Frauen kurze Roecke getragen, in den grossen Staedten natuerlich, enge T-Shirts und durchsichtige Struempfe. Schwaermerische Blicke begleiten diese Erzeahlungen. "Damals waren wir frei! Freier als heute. Wir waren so voller Hoffnung und Kraft!" Spaeter verglich er die Syrer in den 70ern mit Verliebten. "Wir waren verliebt. Verliebt in die Vision eines neuen Syriens!" Ein Aechzen. "Wir sind betrogen worden. Syrien hat uns betrogen. Wir haben ihr alles gegeben. Kraft, Zeit, Energie, Liebe. Wir gaben ihr unser Leben." Ratib fragt mich ob ich ihn zu ihm nach Hause auf einen Tee begleiten will. Ich willige ein. Es ist bereits um Mitternacht als wir durch die im dunkeln liegenden, verwinkelten Gassen der Altstadt gehen. "Was haebn wir zurueck bekommen?..." ER stoesst die niedirge und verbogene Stahltuer auf die in seinen Innehof fuehrt. Ein wunderschoener Innenhof. Darueber ein tiefblauer, sternloser Himmel. Um uns herum zweistoeckige Gebaeude und Pflanzen. Er erlauetert, dass hier eine Ledermanufaktur sei, dort noch eine und oben ein Tuchmacher. Insgesamt sechs erqwachsene und Ebensoviel Teenager arbeiteten hier, sagt er und deutet vom Keller des einen Hauses bis in das Obergeschoss des anderen Hauses. Bevor er das Vorhaengeschloss an der Stahltuer zu seiner Wohnung aufschluiesst entscvhuldigt er sich: "I live a verry simple Life...". mit einem kraeftigen tritt stoesst er die Tur auf. dahinter liegt das Heim eines syrischen Grundschullehrers. Ein Raum. Im grellen Licht einer einzigen Neonroehre sieht man ueberdeutlich den Putz von den Waenden broeckeln und die Farbe sich in grossen Placken von der Wand abschaelen. Direkt neben der Tuer ist ein Brett augebockt, darauf ein Gaskocher, eine Teekanne, eine Tasse, ein Loeffel und eine Wasserflasche. Ansonsten noch etwas Dreck und Zigarettenstummel. Waehrend Ratib rausgeht um fuer mich seine Tasse zu saeubern, Wasser gibt es nur im Hof, eine Toilette nur bei den NAchbarn, sehe ich mich in dem Raum um. In der anderen Ecke des Raumes liegen auf dem Boden ein paar Decken, daneben ein randvoller Aschenbecher. Dann gibt es noch zwei kleine Nischen. in der einen liegt eine ausgequetschte Tube Schuhcreme und in der anderen, neben dem Bett, liegen zwei, drei Buecher und ein Wecker. Auf dem Boden liegt ein Tepich aus Plastikschnueren, so wie es manche Gartenstuehle als Sitzflaeche haben. Die Decke, eigentlich nur mehrere Holzbalken mit Dachschindeln darauf ist durch eine grosse orientalisch bemalte Plastikplane weite4stgehend verdeckt.

Ratib erzaehlt, dass er ein Gehalt von 12.000 SP hat, das sind 200Euro. Pro Monat. Knapp fuenfzig zahlt er fuer seine Wohnung.

Oben, auf der Terasse, waehrend ich meinen Tee trinke und er eine Zigarette nach der anderen raucht beginnt er wieder zu erzaehlen. Er erzaehlt von seiner kommunistisch bewegten Studienzeit in Damaskus. "Ich war verliebt! Wir sahen Syrien auf dem Weg in den Westen. Selbst Moskau war fuer uns der Westen. Wir waren auf dem Weg in eine neue und Moderne Welt!" Eine schnauben, ein Mix aus resignation und Humor. "Wir wurden betrogen. Der Dollar hat uns betrogen. Amerika hat uns bezahlt dafuer, dass wir uns wieder auf unsere Wurzeln besinnen, uns wieder auf den Islam konzentrieren. Wir sollten dem Kommunismus und unserer Freiheit abschwoeren. Wir haben Filme gesehen. Wir wollten Humphrey Bogart sein, James Bond... Und was ist aus uns geworden? Wir haben wder Dollar noch Freiheit. Wir sind ein armes Land."

Zum Abschied verabreden wir uns fuer den naechsten Tag um vier Uhr. 

Ich treffe ihn wieder auf der selben Mauer vor dem Sheraton, rauchend. Waehrend wir in ueber drei Stunden rund um die Altstadt gehen, beginnt er wieder zu erzaehlen.

"Siehst du die Frauen da? Oh how black they are... Wir waren frei, damals. Aber irgendwie sind diese Frauen auch wenn sie vollverschleiert sind, frei. Freier als man denkt. Damals trug meine Schwester Miniroecke. Jetzt ist sie verschleiert." Er beginnt von Ritualen und Regeln im Leben zwischen Maennern und Frauen zu erzaehlen. Er ist zwei mal geschieden und hat keine Kinder. "Ich bin frei! Ich vermisse nichts, kein Geld und keine frau. Kinder. Ich beneide die Maenner meines Alters um ihre Soehne. Weisst du, hier, wenn du einen Sohn hast, dann gehoert er dir. Du HAST einen Sohn."
Er erzaehlt von Symbolen, die hier genutzt werden um Begehren auszudruecken. "Es ist das gleiche wie bei euch. Du weisst, wenn ein Mann und eine Frau zusammen sind... " Er sieht mich verschmitzt an. "Aber bei uns ist es versteckt. Its a deep secret. Nobody knows."

Er erzaehlt mir von Ishtar, der Preislamischen Goettin der Fruchtbarkeit. Ishtar hat in ihrer mytischen Bedeutung den Zahlenwert 10, auf arabisch ashra. Das Wort leitet sich von Ishtar ab. Genau wie das Wort fuer Sex, ishra. Der Unterschied in der Aussprache ist fuer einen fremden kaum zu hoeren. "Wir nutzen hier solche Paralleln: Kannst du mir helfen? Ja, ich bin in zehn Minuten bei dir..." Er erzeahlt von der Augensprache. "Nichts geht ohne die Augen. Du musst deine Augen sprechen lassen und lernen die Augen zu lesen." Auch mystische Bedeutungen der Hand erklaert er. Irgendetwas uber die Verbindung aus Farben und Zahlen der Finger. Der Daumen z.B. ist weiss, was irgendwo aus der Richtung Daumenlutschen und Muttermilch herkommt. Weiss ist Frieden. Man zeigt den Daumen um zu zeigen: Alles gut, zwischen uns herrscht Frieden. Der Daumen hat auch etwas von Wahrheit. Der Fingerabdruck, der sichere Beleg fuer deine Zustimmung. So ganz habe ich diesen Teil seiner Ausfuehrungen nicht verstanden.

Wahrenddessen bewegen wir uns entlang der Grenze zwischen Altstadt und neuem Teil. Dabei, so erklaert er mir, bedeutet Altstadt nur eine Definition der UNESCO. Alt ist was innerhalb der Stadtmauern liegt. Aber auch da ist vieles neu. Er macht mich auf die Steine aufmerksam. Wer niht darauf achtet laesst sich leicht von den alten und engen Strassen taeuschen. Aber am Unteraschied der Steine sieht man, dass gerade in den armen und fuer Touristen uninterssanten Gegenden ueberall nachgebessert wurde, ganze Haeuser ersetzt wurden. Nur in dem Teil der Altstadt in dem die Touristendollars stecken, sind die alten Haeuser einigermassen gut erhalten, aber wirklich gut erhalten sind nur die Moscheen.

In einem der aermsten Gebiete durch die wir kommen, sehe ich, diejenigen die schon meinen Tuerkeiblog verfolgt haben, werden sich freuen, ploetzlich ein weisses Pferd. Inmitten von Aleppo. "In den 70er Jahren, als wir im Krieg mit Israel waren, haben wir viele Haeuser abgerissen um Bunker zu bauen. Ueberhaupt wollten wir in jener Zeit neue bessere Haeuser und Strassen haben. Wir haben damals sogar gefordert, mit lauten Stimmen gefordert, die Moscheen in Krankenhaeuser und Schulen umzubauen. Niemand hat damals auf Denkmalschutz und Geschichte geachtet."
Im Schatten eines kleinen Baumes steht genau auf einem solchen Platz, die Eingaenge zu  unterirdischen Bunkern zieren diese Pockennarbe der alten Stadt, ein rippiges und nicht so ganz gesundes, aber strahlend weisses Pferd. Rechts und links rasen die moerderischen Autos von Damaskus entlang.

Der verkehr hier ist der wahnsinn. Ruhigen Schrittes beschreitet man eine ungefaehr vierspurige Strasse auf der die Autos nur so entlangschiessen. Da es hier sowieso keine Spurbindung gibt fliesst der Verkehr um einen Herum als waere man ein Fels in einem reissenden Fluss. Die Autos fahren mit einer praezision das einem schlecht wird. Auf wenige Zentimeter wird hier aufgefahren. Autos fahren einfach in den fliessenden Queverkehr. Es ist ein halt- und rgelloses Gewirr, in dem jeder nur schaut: Passt es oder passt es nicht? Sind die Autos schmal, kann vielleicht der sechste den fuenften noch rechts uberholen, obwohl die Strasse nur vier Spuren bietet.

Irgenwann kommen wir auf unserem Weg durch die Altstadt an dem geoeffneten Tor zu einer Seifenfabrik vorbei. Eine franzoesische Gruppe verschwindet gerade darin. Wir folgen unauffaellig. Irgendwann hoere ich die Fuehrerin sagen, dass ueber diese Fabrik kuerzlich ein Film gedreht wurde. Den Film habe ich tatsaechlich vor knapp einem Monat auf Phoenix gesehen.

Naja, und jetzt werde ich gleich mit dem Zug nach Ar Raqqah fahren. Ich melde mich sobald ich wieder kann!

beste Gruesse

Benjamin

 

 

18.4.10 12:16
 



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