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16.04.2010 Aleppo

Hallo,

zunaechst noch ein kleiner Nachtrag zu gestern. Mit dem unbekannten fremden Pascha war ich noch erst im Sheraton Hotel um auf Klo zu gehen.... Echt heftiges Hotel.... UNd dann war ich noch mit ihm im Gericht, weil er irgendwelche Papiere fuer seine Laendereien beantragen musste. Er meinte er habe ueber einen Monat warten muessen um den Kram ueberhaupt in die Haende eines Anwalts druecken zu duerfen. Und viel Geld "fuer die Kinder" des Anwalts sei geflossen. Allein als ich da war ungefaehr 100 Euro.

Heute bin ich nach dem aufstehen erst einmal durch den alten Suq Aleppos zur Zitadelle gegengen. Der Suq ist Komplett ueberdacht und hat aenlich wie eine alte Innenstadt grosse und saubere Hautstrassen und kleine dunkle Nebengassen. Der Suq ist fuer jeden Fremden ein undurchdringliches Labqrinth und wurde wenn ich meinen Freund von gestern richtig verstanden habe auch zur Verteidigung und im Kampf gegen die franzoesische Kolonialbesetzung genutzt. Heute Vormittag als ich da war, gab es noch so gut wie keinen Betrieb, die meisten Laeden waren geschlossen. Auf einmal kam ein wirklich schmieriger, unheimlicher Typ auf mich zu und bedeutete mir ihm zu folgen. Mit ihm bin ich durch Verbindungsgassen gegangen, die so dunkel waren, dass ich ihn in seinem schwarzen Hemd nur einige Meter vor mir kaum noch von den uralten Mauern unterscheiden konnte. Die Wege waren so verschlungen und veraestel, dass ich schon nach weigen Minuten nicht mehr den gleichen Weg zurueck gefunden haette. Nicht einmal die Richtung haette ich angeben koennen. Ein wenig mulmig war mir schon, insbesondere als ich auf einmal mehrere Stimmen hoerte. Ploetlich wurde es heller. Die Mauern gingen auseinander und unvermittelt standen wir wieder auf einer der grossen uns sauberen hauptstrassen. Nur wenige Meter noch und wir waren am Ende des ueberirdischen Tunnels. Die etwas matte Sonne begruesste mich. Der Kerl zeigte mir noch in welche richtung die grosse Zitadelle sei und fragte mich noch ob ich einen Kaffee mit ihm trinken wolle. Als ich antwortete ich traenke keinen Kaffe verabschiedete er sich, gruesste noch freundlich und ging.
Er hatte mich wohl auf dem kuerzesten Weg duch den Suq zur Zitadelle gefuehrt.

Die Zitadelle selber laesst sich schwer beschreiben. Insbesondere als die dazu gehoerige Geschichte mir nicht praesent ist. Ausser dass die Zitadelle riesengross ist und ich froh bin, dass ich sie so einfach fuer kaum 2,5Euro besichtigen durfte anstatt sie erst einnehmen zu muessen, kann ich ohne Bilder nur wenig erzaehlen. Auf einem hochen und steilen Berg gelegen, dessen Flanken wohl frueher mit Glatten Felsplatten bedeckt waren, baut sich eine Burg mit hohen, glatten und dicken Mauern auf. Das ganze erstreckt sich auf ein Gebiet ungefaehr so gross wie der Hamburger Rathausplatz. Inklusive Rathaus. Der einzige Zugang zu dieser uneinnehmbaren Festung ist eine Felsbruecke, deren Anfang und Ende von zwei maechtigen Tuermen mit riesigen massiven Toren bewacht wird. Umgeben von den schuetzenden wohl 7-8meter hohen Mauern, befinden sich der Thronsaal von Aleppo. Ein grosser rechteckiger Saal mit einer fantastisch bemalten Decke, die schweren Holzbalken die das Dach stuetzen sind bunt und kunstfertig beschnitzt. Der Thronsaal liegt direkt ueber dem Eingang zur Festung, und seine grossen praerchtigen Fenster boeten einen majesaetischen Ausblick ueber die gesamte Ebene von Aleppo, waeren nicht ungefaehr 80% des Raumes gesperrt um den mit Intarsien geschmueckten Boden zu schuetzen.

Hinter dem Thronsaal erstreckt sich ein riesiges Ruinenfeld, ueber das die unzaehligen Besucher wie die Gazellen springen, ueber halb eingestuerzte Torboegen, durch inzwischen nach oben hin offene Gaenge, ueber Felsen und vereinzelte Saeulen.
Es gibt eine grosse und eine kleine Moschee, beide entweiht, bzw. in einen Teil der Ausgrabungsausstellung verwandelt. Frauen und Maenner gehen ungeniert mit Schuhen hinein, knipsen wie wild, posieren in den heiligen Gebetsnischen und verlassen dann laut lachend und redend das ehemalige Gotteshaus.
Den hoechsten Punkt in der gesamten Ebene von Aleppo bildet definitiv das Minarett der grossen Moschee der Zitadelle. Dieser Punkt bleibt den Besuchern allerdings verschlossen, genau wie ein vermutlich sehr grosser Teil des Areals. Immer wieder stoesst, wer danach sucht, auf verschlossene Tore und verriegelte Gitter. Viele Raeume werden erst von aussen anhand ihrer Fenster und Schiessscharten erkennbar. Fuer Besucher besteht die Kroenung des Ausblickes in einem uralten Aussichts und Festungsturm. Von dort aus laesst sich die gesamte heutige Grossstadt Aleppo ueberblicken. In frueheren Zeiten aber konnte man vermutlich ein schier unendlich weites Land ueberblicken. (Gerade reitet ein Junge auf einem Esel am Fenster vorbei. Wie ein Trugbild oder ein Popup treibt er durch die Peripherie meiner, auf die DSL Verbindung mit dem 21. Jahrhundert fixierten, Augen.)

Gegen hiesige zwoelf Uhr verliess ich das alte Bollwerk und machte mich auf den Weg ein Internetcaffe zu suchen. Ich folgte dabei dem Rat meines Freundes Arne, der die Stadt gut kennt. Allerdings hatte er sich scheinbar in der Himmelsrichtung geirrt. Je laenger ich ging, umso weiter entfernte ich mich von allem was nach Internet und 21. Jahrhundert aussah. Ich kam vorbei an riesigen Welsen die in einer leeren Badewanne in der Sonne am Strassenrand, und im Staub und Auspuffqualm der ganzen alten Kleinbusse und Minilkw. aus China und Japan, lagen. Ihre langen dicken Barthaare schienen einander fast zu schmeicheln, wie sich ihre langen Koerper aneinander schmiegten, wie sie sich gemeinsam sonnten. Nur eben Tod und stinkig. Viele kleine Werkstaetten auf meinem Weg. Was da teilweise ungeniert und im Licht der Sonne an reifen bearbeitet wurde, das verschlaegt einem den letzten Glauben an die vermeintliche Sicherheit des syrischen Verkehrs. Da wurden alte Autoschlaeuche aufgepumpt, die unter dem Luftdruck kantig  wurden und aus denen sich lauter kleinere und groessere Blasen auswoelbten - Um zu pruefen, ob die uebereinander geklebten Fahrradflicken wohl halten wuerden. Bereits tief in die Wohngebiete der Syrer eingedrungen, wollte ich mir etwas zu trinken kaufen. Ein halber Liter cola. Als ich bezahlen wollte, wies die gesamte im Laden versammelte Truppe das Geld zurueck, einer meinte auf englisch, ich sei ein Gast des Hauses. Beim naechsten Mal duerfe ich ja bezahlen. Aber heute sei ich eingeladen. Weiter nichts. Freundlich gruessend bin ich gegangen. Die Gruppe schien mih nach ihren letzten Gruessen bereits wieder vergessen zu haben, und war wieder tief in ihr Gespraech vertieft. Dann kam ich noch an einer kleinen Brotmaunfaktur vorbei. Mit einfachen Maschinen und viel Handarbeit wurde da der Teig geknetet und zu duennen Fladen geformt. Im Hintergrund konnte man das Feuer des Ofens sehen, in dem die Brote dann gebacken wurden. Direkt daneben ein Holzkohlehaendler, der nichts anderes hatte als verkohlte duenne Zweige.
Als ich hunger bekam ging ich zu einem Imbiss und bekam dort sehr leckere Pommes, tierisch versalzen, fuer 15 Syrian Pounds (SP). Der Wechselkurs ist eins zu ueber sechzig..... Also eine Portion Pommes fuer 25 Cent oder so. Kurios. In der Altstadt kann man duchaus europaeische Preise bezahlen. Anstatt, dass ich mit meiner Portion Pommes wieder verduften muste, wurde ich fast dazu genoetigt, mich hinter die Theke zu setzen, der Laden hatte weder Sitz- noch Stehplaetze. Obwohl ich da wirklich jedem im Weg stand laechelten mich alle freundlich an und redeten auf arabisch auf mich ein. Ein junge der in dem Laden arbeitete bot mir als ich aufgegessen hatte einen Schluck aus seiner Wasserflasche an.

Insgesamt bin ich fast erstaunt, wie positiv alle meine Erfahrungen mit den Menschen hier sind. Der Mann gestern, der schmierige Typ vom Suq, die Cola- und der Pommesverkaeufer.

Nur Internet scheint hier ein echtes Fremdwort zu sein. Wenn die Syrer nicht alle ihren eigenen Internetanschluss haben, dann leben die hier in einem absoluten Informationsloch, mal abgesehn, von den unzaehligen Fernsehern auf die der Schmuck aller Haeuser von Aleppo verweist. Kein Dach ohne eine Vielzahl von Satschuesseln und Wassertanks. Ich habe heute Stundenlang nach einem Internetcaffe gesucht, und bin letzten Endes wieder in das gleiche wie gestern gegangen. Es war das einzige was ich finden konnte. Heute kann ich hier auf meine Mails zugreifen. Sie waren nur alle schon gelesen als ich das Postfach oeffnete. Naja. Etwas supekt, vielleicht auch etwas mehr. Aber was solls.

So jetzt gleich werde ich nochmal durch den Suq stratzen und mir das bei lebendigem Verkehr anschauen.

Euch weiterhin viel Spass beim Lesen.

Liebe Gruesse!

Benjamin

PS: Noch habe ich keine neue Handynummer, das einundzwanzigste Jahrhundert ist manchmal doch recht fern. So sahen die wenigen Laeden die ich gesehen habe, die dafuer in Frage kamen so suspekt aus, dass ich vorbeigegangen bin. Wer mich dringend erreichen muss sollte aber daran denken, die 00963 fuer Syrien vorzuwaehlen.

16.4.10 14:31
 



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